Niklas hat rosafarbene Haut. Feine, dunkelblonde Haare lugen unter einem weißen Mützchen hervor. Auf den ersten Blick könnte der Kleine tatsächlich für ein echtes Baby gehalten werden. Doch Niklas ist eine Simulations-puppe, mit welcher Unternehmer Günter Grabher (Grabher Group) an diesem Vormittag im V-trion-Forschungslabor in Hohenems eine der neuesten Entwicklungen in Sachen „Smart Textiles“ vorführt. Unter diesem Stichwort wird nämlich unter anderem auch in Vorarlberg an sogenannten intelligenten Textilien gebastelt, die auf unterschiedliche Weise den Alltag erleichtern sollen. Und mitunter sogar Leben retten können.

Niklas ist in seiner Wiege auf einer besonderen Matratze gebettet, in welcher sich ein hochsensibler, mit silberbeschichteten Garnen gestickter Sensor befindet. Via Bluetooth und Internet können damit Daten über Atmung, Puls und Bewegungen eines Kindes auf eine Smartphone-App übertragen werden. Mamas oder Papas sollen mit dem System künftig die Möglichkeit haben, ihr Baby in Echtzeit zu überwachen, auch wenn sie beispielsweise auf Geschäftsreise sind.

 

 

Alarm. „Ziel ist, den Sensor so genau konstruieren zu können, dass das System auch zur Überwachung gegen den plötzlichen Kindstod eingesetzt werden kann“, erklärt Unternehmer Grabher. Dann greift er nach einem Smartphone, um das System zu veranschaulichen. Auf Knopfdruck wird ein täuschend echter Herzschlag in der Brust der Puppe spürbar. Der Sensor nimmt jede Bewegung im Bettchen wahr. Und sogar, wenn die Decke nur sanft berührt wird, schlägt die Linie auf dem Smartphone-Bildschirm deutlich aus. „Gibt es länger als 40 Sekunden keine Bewegung, schlägt das System Alarm“, erklärt Grabher weiters und hält kurz inne, bis das Handy schrillt.

Das High-Tech-Baby-Überwachungssystem ist eine Weiterentwicklung einer früheren Innovation, erklärt der Textil-Experte. Nämlich der sogenannten Texible-Wisbi – einer Betteinlage, die Nässe erkennt und Erleichterung bei der Pflege bringen soll. Diese Entwicklung begann im Jahr 2014 als interdisziplinäres Forschungsprojekt „Netzwerk waschbare Sensortextilien“. Das Team des Pflegeheims Birkenwiese in Dornbirn übernahm den Praxistest im Pflegebereich.

Um Innovationen wie diese voranzutreiben beziehungsweise zur Marktreife zu führen, haben Textilunternehmer aus Vorarlberg gemeinsam mit Textilforschern der Universität Innsbruck das Start-up „Texible“ in Hohenems gegründet. Aufbauend auf Forschungsergebnissen sollen dabei marktreife Produkte entwickelt und Vertriebswege aufgebaut werden. Grundgedanke ist, dass in weiterer Folge die Kapazitäten der Vorarlberger Stickereibetriebe genutzt werden.

Für die kooperative Entwicklung rund um die Nässe-Sensoren gewann „Texible“ im Vorjahr den Innovationspreis für das beste Start-up des Landes Vorarlberg. Die größte Herausforderung bei der Entwicklung sei gewesen, dass die meisten Pflegeheime und Krankenhäuser ihre Textilien von Mietwäschern beziehen würden. „Deshalb musste ein Textilsensor entwickelt werden, welcher eine industrielle Wäsche übersteht. Inzwischen sind bis zu 100 Industriewäschen möglich”, erklärt Texible-Geschäftsführer Thomas Fröis. Dann breitet er vor sich auf dem Tisch eine sogenannte Wisbi aus. Zu sehen sind auf dem Stoff feine aufgestickte Wellenlinien.

Die praktische Anwendung scheint einfach zu sein: Die Bett­einlage wird auf das Leintuch als oberste Lage platziert und über einen Druckknopfstecker mit einem batteriebetriebenen Sender verbunden. Dieser ist via Funk mit einem Steckdosenempfänger gekoppelt. Der textile Sensor misst den elektrischen Widerstand. Beim Erkennen von Nässe wird automatisch ein Alarm an den jeweiligen Empfänger gesendet. Ende März soll die Texible-Wisbi in Öster­reich erhältlich sein.

Die Textilindustrie ist naturgemäß ständigen Veränderungen und Trends unterworfen. Neue Technologien haben in den vergangenen Jahren zu einem Strukturwandel geführt. Und die Produktion intelligenter Textillösungen ist stetig gewachsen. Egal, ob im Bereich Bekleidung, Haus- und Heimtextilien, Fahrzeugbau oder Medizintechnik. Europäische Textilunternehmer sehen den Bereich der „Smart Textiles“ als große Chance im Kampf gegen die Billigkonkurrenz aus Fernost.

 

 

Richtig sitzen. Daher wird auch in der österreichischen Textilhochburg Vorarlberg fleißig geforscht. Neben der „Wisbi“ und dem Baby-Überwachungssystem sind beispielsweise im V-trion-Ausstellungsraum in Hohenems zahlreiche weitere Entwicklungen zu entdecken. Darunter etwa ein Sitzheizsystem für Lifte. Oder ein „Stoff mit Grips“, der für Bürostühle gedacht ist und mit dessen Einsatz Rückenschäden vorgebeugt werden könnte, wie Grabher erläutert: „Es geht darum, die richtige Position zu messen. Sitzt jemand schief, könnte dies am Bildschirm oder per App am Smartphone angezeigt werden.“ Ebenso könnte beispielsweise der Abnützungsgrad von Bürostühlen gemessen werden, was wiederum künftig in Sachen Vermietung eine zentrale Rolle spielen könnte.

Angefertigt könnten in den Vorarlberger Stickereien beispielsweise künftig auch 3-D-Elektroden, die in Batterien, Akkus und Brennstoffzellen für mehr Effizienz sorgen sollen. Weiters präsentieren Grabher und Fröis einen schwarzen Stoff, auf dem verschiedene Symbole wie etwa eine Glühbirne oder ein Fernseher aufgestickt sind. Möglich wäre, diesen beispielsweise in eine Armlehne zu integrieren und auf Knopfdruck die jeweiligen elektronischen Geräte zu steuern.

Ausgestellt ist unter anderem auch ein Bett mit intelligentem Laken, welches zur Schlafanalyse bei Erwachsenen eingesetzt werden kann. Und noch vieles mehr.

Die Entwicklungen rund um die Baby-Matratze betreffend stehen derzeit laut Grabher noch behördliche Prüfungen an. „Es geht dabei darum, ob das System auch eingesetzt werden kann, um den plötzlichen Kindstod zu verhindern.“ Ab Juni soll das High-Tech-System online erworben werden können.

<p class="caption">Günter Grabher (l.) und Thomas Fröis sind Experten in Sachen „Smart Textiles“.</p>

Günter Grabher (l.) und Thomas Fröis sind Experten in Sachen „Smart Textiles“.

<p class="caption">Intelligente Textillösungen sind in verschiedensten Bereichen gefragt.</p>

Intelligente Textillösungen sind in verschiedensten Bereichen gefragt.

Smart Textiles

Vorarlberg ist Dreh- und Angelpunkt einer Smart-Textiles-Plattform, bei der Kompetenz von Betrieben und Forschungseinrichtungen gebündelt wird. Initiator davon ist V-trion-Chef Günter Grabher (Grabher Group). Das Leistungsspektrum des V-trion-Instituts reicht von der textilen Grundlagenforschung, Produktentwicklungen und Innovationen bis hin zu projektbezogenen Entwicklungsaufträgen aus Wirtschaft und Industrie.

www.smart-textiles.com

Quelle: http://www.neue.at/vorarlberg/2017/03/18/ein-stoff-aus-dem-traeume-sind.neue

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